Wir freuen uns über das Interview, welches Cay Dobberke vom Tagesspiegel in dieser Woche mit uns geführt hat. Nachzulesen hier oder auf der Webseite des Tagesspiegels.

Nachbarschaft

Veröffentlicht am 09.10.2020 von Cay Dobberke

Ins Designcenter Stilwerk an der Kant- / Ecke Uhlandstraße zog der Teppichhändler Orhan Kiran vor 20 Jahren als einer der ersten Ladenmieter – doch nun „ist es genug“, sagt er. Gemeinsam mit seiner Frau Janette startet er am kommenden Montag den Ausverkauf bei Kiran Kelim & Teppich Kunst in der dritten Etage. Ende März 2021 schließt das Geschäft. Danach wollen die Eheleute zunächst eine Pause einlegen und später andernorts in Berlin einen kleinen Showroom eröffnen, aber nur noch an drei Tagen pro Woche aufmachen.

Die Center-Regeln im Stilwerk können anstrengend für die Betreiber kleinerer Läden sein. Montags bis sonnabends müssen alle Händler einheitlich von 10 bis 19 Uhr die Kunden bedienen. In den vorigen zwei Jahrzehnten habe er fast jeden Tag im Geschäft gestanden, sagt der 66-jährige Firmengründer Kiran. Die einzige angestellte Verkäuferin ist derzeit im Mutterschaftsurlaub, außerdem gehört ein Teppichrestaurator zum Betrieb.

Jetzt plant das Ehepaar Kiran einige Reisen, für die bisher die Zeit gefehlt hatten. Als „leidenschaftliche Tangotänzer“ zieht es beide besonders in die argentinische Hauptstadt Buenos Aires. Beim Tanzen in einem Berliner Tango-Lokal hatten sie sich vor neun Jahren kennengelernt. Sie wohnen in Charlottenburg, wollen das Leben künftig aber auch häufiger in ihrem Landhaus in Mecklenburg genießen.

Die Spezialität ihres Ladens sind handgewebte Kelims aus Anatolien und dem Iran. Manche davon lässt Orhan Kiran nach eigenen Entwürfen herstellen. Zuletzt gestaltete er anlässlich des 100. Bauhaus-Jubiläums im vorigen Jahr 100 Kelims in passendem Design. Aber auch die nach traditionellen Mustern und Motiven gewebten Kelims wirkten „noch immer zeitgemäß“ und „passen zu modernen Einrichtungen“, finden er und seine Frau.

In seiner Geburtsstadt Ankara hatte Orhan Kiran ursprünglich Schauspiel studiert. Den ersten eigenen Kelim kaufte er von einem Freund der Familie, der mit Antiquitäten handelte, und war sofort begeistert von der Qualität. „Aus dem Bauch heraus“ entschloss er sich vor rund 40 Jahren dazu, in der Teppichbranche anzufangen. Nach Stationen in Genf, Rom, Mailand, München und Hamburg kam Kiran Anfang 1997 nach Berlin. Drei Monate später gründete er seine erste Galerie an der Bleibtreustraße. Zum Umzug ins Stilwerk luden ihn damalige Manager des Centers ein.

Industriell produzierte Teppiche gibt es bei Kiran generell nicht. Handarbeit ist natürlich teurer, große Kelims können mehr als 300o Euro kosten. Zur Kundschaft zählen Schauspieler, Musiker und andere Künstler, Politiker, Innendesigner und Villenbesitzer. Anfragen kommen sogar aus den USA, Großbritannien und der Schweiz. Nicht alle Käufer sind Gutverdiener: Orhan Kiran erzählt von einem Studenten, der so begeistert von einem bestimmten Kelim war, dass er lange darauf hinsparte.

Foto: Cay Dobberke

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